Zeit zum Sich Setzen Lassen
Überlegungen zum Thema von Martin Klinkner
Beim Nachdenken über die Funktion von Pausen beim „analogen“ Zeichnen und Malen wird deutlich, dass sie als Momente des geistigen Innehaltens und Abstandnehmens, der spontanen Revision unverzichtbar sind. Jeder Strich, jeder Pinselhieb ist letztlich eine, wenn auch noch so vorläufige Setzung und löst im ästhetischen Empfinden eine Reihe sich anschließender Überlegungen, Einfühlungen und Aktionen aus, die sich nicht nur auf das entstehende Bild richten, sondern auf den Selbstvollzug der ästhetischen Handlung als einer die Zeit und das eigene Bewusstsein genüsslich sättigenden Erfahrung. So verwundert es nicht, dass gegenwärtig, angesichts sich beschleunigender, hypertropher Bildwelten, eine elementare Aufgabe kunstpädagogischen Wirkens wiederentdeckt wird: Heranwachsende zur Reflexions- und Genussfähigkeit an ästhetischen (auch nicht schönen) Werken zu befähigen und ihnen den Wert kontemplativer Muse für ihr Leben an gelungenen Begegnungen mit sich selbst in schöpferischem Tun und Nachvollzug zu erschließen.
Der Gewinn des Pausierens und der Stille im gestalterischen Prozess für dessen sinnlichen Erkenntniswert ist also nicht zu unterschätzen. Das nun wird umso deutlicher beim Blick auf solche Formen der Bildproduktion, die einen rapide beschleunigten „workflow“, gepaart mit einer jederzeit möglichen Widerrufbarkeit und Löschung einzelner Arbeitsschritte ermöglichen, die Reversibilität an Variationen statt Reflexion an Unikaten zum Inbegriff ästhetischer Erfahrung werden lassen. Das rastlose Geschiebe und betriebsblinde Geklicke beim Verfertigen von digitalen Bildern hinterlässt häufig ein eigentümliches Gefühl von Leere und Langeweile, statt eines der Sättigung und des Genusses; den Bildern selbst fehlt vielfach trotz aller optischer Raffinesse und Komplexität etwas, das schwer zu benennen ist, ihnen aber fühlbar mangelt. In Anlehnung an Walter Benjamin möchte man vom Verlust der Aura des Authentischen im Zeitalter einer permanenten Erregungskultur sprechen, doch im Kern geht es um den ästhetischen Atem, der Zeit zum Sich Setzen belässt, etwa um die kleinen Lücken im Bildgefüge, die wir an einem Cézanne, einer asiatischen Tuschezeichnung oder einem kunstvoll arrangierten Blumenstrauss so schätzen. Welche Folgerungen sind aus den hier vorgetragenen Überlegungen für die Arbeit mit den „neuen“ Medien einerseits und für die Ästhetik ihrer Produkte andererseits zu ziehen? Jedenfalls sollte der mediengestalterisch akzentuierte Unterricht bewusst Zeit und Raum für Betrachtung und Reflexion belassen, um das sich setzen und anverwandeln zu lassen, was gerade unter der Hand und vor den Augen entstanden ist. Das Thema „Still setzen, Still liegen“ regt dazu geradezu an.
Für die Bilder selbst könnte gelten, dass Pausen, Leerstellen und Lücken in ihrem Gefüge nicht als Fehlstellen begriffen werden, dass der bewussten Reduktion, dem sparsamen Einsatz der Mittel, dem Einbezug analoger Mittel, der einfachen Aussage im Zweifel der Vorzug gegeben wird vor technoider Komplexität, optischer Brillanz und sensationeller Motivik.
Nichts wäre gewonnen, viel aber verloren, wenn Zeit und Eifer der Schüler zur Produktion überflüssiger Bilder ohne rechten Genuss- oder Erkenntniswert ver(sch)wendet würden.
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